That fancy leggins of yours

Arschfotos.
Das sind jene Bilder, die an einer Kletterwand aufgenommen werden, und den Kletternden dabei aus einer Perspektive von hinten und unten zeigen. Die meisten von uns machen Arschfotos, wenn sie Kletternde fotografieren. Weil es so einfach ist, stehen zu bleiben und mit der Kamera das eigene, starrende Auge zu verlängern.
Deswegen ist es sicherlich auch gut, dass dem kletternden Gesäß als solchem eine heftige Achtung widerfährt. Ganz besonders in diesen Tagen wieder. Und ganz besonders von Seiten der Bekleidungsindustrie.

Was da so an der Wand spazieren getragen wird, beunruhigt das Auge schon manchmal gewaltig. Entweder bemühen sich die Kletterer, ihr Beinkleid wie einen Schuhputzlappen wirken zu lassen, der geschreddert und anschliessend zum Reinigen eines Unfall-OPs benutzt wurde.
Da sieht man eine Menge Haut von Körperteilen, die sich seinem sonst nur unter der Dusche oder in der Sauna präsentieren. Vor allem, wenn man auf der Matte steht und von unten zuschaut.
Die zweite Variante sind Leggings.
Jeder und jede Zweite scheint heute eine Leggings zu tragen, oder eine Leggings haben zu wollen.
Zwei Aspekte machen diese Bekleidung so gefährlich für den Betrachter. Die Farbgestaltung der Hose und die Körperformen der Träger.
In einer hypothetischen Statistik über die Kulturform der Kletterhose, würde die Schnittmenge aus dem geeignetem Körperbau zum Tragen einer Leggings und dem Wunsch selbige auch anzuziehen als irrelevanter Fehler heraus gerechnet werden müssen.

Aber was tue ich denn hier. Beurteile ich Menschen nach ihrem Äußerem oder ihrem Klamottengeschmack?
Das sollte ich wahrscheinlich schon deswegen nicht tun, weil meine liebste Kletterhose eine abgeschnittene, seit 2 Jahren ungewaschene, Baggy-Arbeitshose ist, und weil ich ansonsten die Kombination aus Bluejeans, schwarzen SWAT-Stiefeln und einem einfarbigen (schwarzen oder weissen, alles andere sind keine „Einfarben“!) T-Shirt immer noch als den Olymp der Mode an meinem Körper betrachte.
Eigentlich ist es mir egal, wie die Menschen um mich herum aussehen. Das demonstriert schon mein eigener Habitus.

Doch dann kommt da so jemand auf die Bouldermatte gestolpert, mit dem erwartungsvollen Blick eines Nachwuchsmodels, das dafür lebt, angesehen zu werden. Es wird „ge-high-fived“ und gegrinst – und eine Minute später höre ich das Rumpeln der Füße an der Wand, die mit der Eleganz einer lasch geworfenen Stielhandgranate gerade noch so ihr Ziel treffen.

Wir leben in einer Zeit, in der „du bist, was du isst“ und du „das kannst, was du darstellst“.

… that fancy Papageno-leggings of yours … du kletterst nicht besser, nicht schöner, stärker oder eleganter in diesen Hosen.
Du bist auch nicht bunter, nur weil deine Hosen es sind.
Eigentlich bist du …

black&white.

Ist das schlimm?

Zum Glück nicht. Denn es sind ja nur bunte Klamotten.
Womit ich nichts zu tun habe.
In meiner grauen, stinkenden, abgerissenen Hose.
Mit meiner kleinen, grauen Seele.
Für die es das höchste ist, die Füße sanft auf die Tritte zu setzen und eine Sequenz zu finden, die sich gut und elegant und schön anfühlt. Ganz egal wie mein Arsch von der Matte her aussieht.

 

Gute Tritte, schlechte Tritte

Manche Boulder sind es ja wert einen Spitznamen zu bekommen. Zum Beispiel: Tourette-Rot.

So einen Boulder kennen wir alle, und sei es nur, dass wir erschrocken von der Wand gesprungen sind, weil ein paar Meter weiter ein sonst ruhiger Zeitgenosse in einer Kaskade aus Schimpfworten bei 120 Dezibel explodiert ist. Nicht, dass wir eventuell nicht auch schon in dieser Rolle durch die Halle geturnt sind, weil uns ein Boulder (oder war es der Routensetzer?) übel mitgespielt hat.
Es ist nicht der verfehlte gute Griff bei einem Dyno, der uns so sehr verzweifeln lässt. Es ist auch nicht der Sloper, den wir verpressen müssen, und an dem wir es partout nicht schaffen wollen, vorbei zu kommen. Selten mosern wir, wenn uns ein Griff zu weit weg erscheint; denn entweder ist er es schlicht (für uns) oder wir haben noch nicht ganz unser Reichweitenpotential entfaltet, noch nicht ganz Körperspannung, Dynamik, Beweglichkeit und Haltekraft in einen Gleichklang gebracht. Auch absurd winzige Griffe lassen uns zwar hin und wieder fluchen, wenn wir sie mit einem flutschenden Geräusch immer wieder unter den Fingern verlieren. Doch das bringt uns nicht so auf die Palme, das liegt gewissermaßen in unseren Händen – oder auch nicht. Mit unseren Händen können wir fühlen und im wahrsten Sinn begreifen.

Ich habe mich bereits einige Male darüber ausgelassen: Was es bedeuten mag, ein guter Boulderer zu sein. Das Klischee vom explodierenden Rücken erfüllen heutzutage auch Frauen. Bizeps und Zangenkraft, Beweglichkeit und Mut, Hand-Augen-Koordination, Sprungkraft und Körperspannung … die sogenannte core-power. Das ist in aller Munde und wird fleißig trainiert. Selbstverständlich macht es uns auch zu besseren Boulderern. Kraft zu haben und diese koordinieren zu können, darum geht es doch schließlich bei unserer Leib- und Magen-Sportart. Ausserdem liegt ein manchmal schon ungesunder Focus auf den Tugenden des Neo-Health-Lifestyle-Menschseins: Muskeln haben, wenig Bindegewebe (aka: Fett); es ist Trend, den Körper zum Ausstellungsstück zu formen. Wer nicht top fit aussieht, ist aussen vor in dieser Kirche der Körper.

Dann fährt man ein Wochenende raus in die Natur, fummelt ein wenig am ein paar sauglatten Sandsteinblöcken herum, die als Halt für die Füsse und Finger lediglich ein paar Stecknadelkopfgroße Erhebungen bieten. Die Sonne blinzelt durch das Blätterdach, der Wind rauscht in den Birken und das schwarze Crashpad wärmt einem sanft den Hintern beim Sitzstart. Kein Geballer, keine Athletik, keine Sprünge, keine Zangen. Es ist plötzlich egal, ob man einen einarmigen Klimmzug beherrscht, und der kleine Bierbauch schmiegt sich wohlig in eine Beule im Fels und verspricht zusätzlichen Reibungshalt, den die Hände hier nicht geben können.
Beseelt von dem Gefühl, auf ein paar wirklich winzigen Tritten herumgestanden und die Spannung des Fußgewölbes bis in den Rücken gespürt zu haben, fährt man heim in die Halle und schraubt ein paar Boulder, die nicht ganz so derbe nach Plastik-Zirkusnummer schnuppern wie sonst manchmal. Und das hat dann Folgen.

Wenn mein Kumpel Henry jemandem zuruft, er möge doch bitte mehr Druck auf die Tritte bringen, dann habe ich oft das Gefühl, dass die gemeinte Person seine Aufforderung gänzlich falscht versteht. Es ist eigentlich kein Geheimnis: nur wenn man wirklich leichtfüßig steht, steht man sicher, nur wenn man ganz entspannt und vertrauensvoll seine Füße setzt, steht man bombenfest. Der Hochseilartist, der Slackliner und die Ballerina (ein Wort, das nicht von dem Begriff Ballern abstammt!) machen es vor. Konzentriert und sanften Schrittes. Was da an der Kletterwand mit der Technik, die dem Schwingen eines Vorschlaghammers ähnliche ist, stattdessen geleistet wird, hat mit Leichtfüßigkeit nicht viel zu tun. Würden die Katzen dieser Stadt so laufen, müssten wir alle 24h am Tag Ohropax tragen.

Druck … Druck auf die Tritte … das klingt nach Kraft. Und so bahnt sich der innere Druck in uns seinen Weg in die Fußspitzen, und wir hämmern unsere 145-Euro-Reibungssohlen auf die Tritte, als gälte es, unsere Füße dort festzunageln.
Nur dass sie nicht halten wollen.
Um so mehr wir wollen, um so weniger.
Um so stärker wir sind, um so schwieriger scheint es, einfach nur dazustehen.
Wir kaufen uns sauteure Spezialschuhe, an denen hunderte Erfinder und Produktdesigner seit Jahrzehnten tüfteln, und benutzen sie nicht. Ein absurdes Spiel, als würden wir mit Goretex-Bergstiefeln vorsichtig von Stein zu Stein hüpfen, um sie nicht nass oder schmutzig werden zu lassen, als gingen wir mit der teuren Regenjacke nur unter einem Schirm hinaus.

Ich glaube, das alles hat viel mit Vertrauen zu tun. Vertrauen, dass Kraft allein nicht die Lösung ist, Vertrauen, dass manche Dinge einfach funktionieren – weil die simplen physikalischen Gesetze des Universums gelten und nicht plötzlich unter unseren Füßen, aufhören zu funktionieren. Dieses Fluchen, wenn der Fuß von einem kleinen Tritt rutscht … wenn wir genau hinhören, stoßen wir es aus, noch während wir stehen, wenn wir ehrlich sind, ist es das Fluchen und unser mangelndes Vertrauen, warum wir abrutschen. Wir rutschen nicht einfach so. Nicht mit diesen Schuhen, nicht in diesem Universum. Wir rutschen in unseren Köpfen, und der Körper folgt. Wir denken uns die Realität. Gewöhnt, stark zu sein, uns festhalten zu können, fühlen wir uns auf unseren Füßen unsicher wie betrunkene Bärenjungen.

Überhaupt … Vertrauen … ein bisschen mehr Vertrauen und ein bisschen mehr Auszuprobieren, nicht so viel an unser physischen Kraft zu arbeiten, sondern an der Stärke in unserem Kopf. Und auf diesen winzigen Tritt zu stellen, und es einfach einmal darauf ankommen zu lassen, anstatt mit unserer Kraft einen Kampf zu führen, den es gar nicht gibt.

 

Persönliche Auskünfte – oder: Ich bin ein Idiot

Manchmal gibt es Lebenspausen. Für die anderen. Für die Zuschauer des eigenen Zirkus.
Da verstummt jemand ganz plötzlich; ist schwer am Telefon zu erreichen, reagiert relativ mürrisch auf Kurznachrichten. Trifft man diese Person zufällig, lächelt sie semi-verbindlich, fragt brav nach dem Befinden ihres Gegenübers und schaut dabei an einen fernen Punkt am Horizont, die Füße zappeln schon, während man seine Antwort beginnt. Man merkt, dass auf geheimnisvolle und verstörende Weise kein Raum in diesem Gegenüber ist, für andere Worte, Gedanken, Menschen und Rhythmen. Man steht einer harten Festung gegenüber, die damit beschäftigt ist, sich selbst neu zu installieren. Fehlerprotokolle huschen hinter den Augen hin und her, und irgendwo im Hintergrund beginnt die rote Diode zu glimmen, das Zeichen für den Überhitzungstod einer Seele auf der Flucht.
Beim Bouldern scheint diese Hülle aufzubrechen. Zu zweit oder in der Gruppe scheint alles wie gewohnt. Schließlich ist das beim Bouldern so, schließlich sind wir hier gemeinsam zuhause. Da braucht sich niemand in sich selbst zu verstecken.
Doch wenn man genau hinschaut und zuhört bemerkt man, dass etwas nicht stimmt. Da sind mehr Ausreden zu hören, wenn ein Zug nicht klappt. Da scheint die einstige Beharrlichkeit, mit der ein Boulder dreißig, vierzig, fünfzig Male angegangen wurde, verflogen zu sein. Und wer genau hin hört, bemerkt eine gewisse Einsilbigkeit, als wäre dem inneren Feuer eine gehörige Portion Brennmaterial entzogen worden.

Ich will hier niemanden mit Allgemeinplätzen langweilen.
Also Karten auf den Tisch: diese Person bin natürlich ich.
Und noch etwas: Ich bin ein Idiot. Aber das ist nicht schlimm. Denn das sind wir alle, ob wir wollen oder nicht, ob wir uns dafür halten oder nicht.

Es ist noch nicht ganz drei Jahre her, da begann meine Neuerfindung; gewissermaßen mit einem Paukenschlag, mit dem Tod meines Vaters. Vielleicht wirkte dies wie ein Signal auf mich, ein Startschuss in Veränderung nach über drei Jahrzehnten semi-stabilen Kurses auf der Ellipse um den Planeten des Künstlerlebens.
Bei einem Espresso beschloss ich, eine Boulderhalle zu bauen und zu betreiben. Vom Minimalteilhaber an der Welt des Arbeitens und der materiellen Kreisläufe, von einem der sich gerne allein versteckt und der gern allein bleibt – von einem verschreckten Introvertierten also, mutierte ich zum Unternehmer und Chef.
Während meine Tage in den Jahren davor einem gewissen egozentrischem Rhytmus gefolgt waren, bestehend aus: Ausschlafen, Schreiben, Sport – sowie hier und da eine Portion Geselligkeit, legte ich mir nun, ohne es zunächst recht zu erkennen oder gar zu verstehen, das Korsett der Verantwortung an.

Natürlich haben wir alle Verantwortung zu tragen.
Zunächst für uns selbst. Dafür, dass wir zufrieden sind, keinem Leid antun und seelisch halbwegs über die Runden kommen. Dass damit viele bereits überfordert sind, sei dahingestellt.
Und mit jeder Bindung die wir eingehen, gehen wir einen Bund der Verantwortung ein: Freundschaften, Aufgaben, Tätigkeiten. Vor allem aber sind wir uns selbst verantwortlich: uns unserer selbst bewusst zu sein, und das zu tun, was uns entspricht.

Die Definition von Wahnsinn ist bekanntlich, wenn man etwas immer wieder auf die selbe Weise tut und dabei doch ein anderes Ergebnis erwartet. Tief ausatmen bitte, ganz tief – denn ja, so nah stehen wir alle am Wahnsinn. Unsere Facebook-Freunde posten es jeden Tag: Bilder und Stimmen über unsere Welt. Keine Zweifel, kein Widerspruch; es ist nicht so gut um uns bestellt. Wir füllen unsere Tage zu einem großen Teil mit styroporhaften Momenten, die wir wiederholen, als wäre mehr vom Gleichen die Kur unserer Sehnsucht. Wir kokettieren mit dem Wahnsinn, pflastern unsere Kommentare mit den wenig hilfreichen Statements, über den mürben Zustand der Welt, die wir so machen wie sie ist.
Jemanden als Idioten zu bezeichnen, wird hingegen als ein Akt höchstpersönlicher Beleidigung angesehen. Doch warum nur? Ist idiotisches Benehmen doch vielmehr die Prämisse und Ausgangsbasis unserer gesamten Existenz! Wir kommen ohne ein tieferes Wissen auf diese Welt und wir eignen uns das, was wir dann wissen und können ausschließlich durch die Nachahmung anderer Menschen an. Die ihrerseits nur ihre Vorgänger nachgeahmt haben. Die Kopie einer Kopie der Kopie einer Kopie von Notfallprogrammen, welche die neugierigen Affen von einst mühselig durch die Jahrtausende gebracht hat.
Alles, was wirklich neu ist, überfordert uns.

Wie schnell vergisst man das. Wie gründlich habe ich das ausser Acht gelassen. Dem Wahnsinn bin ich eventuell entgangen, aber als Idiot habe ich mich ausgezeichnet.

Eine Boulderhalle bauen. … Check.
Lernen – in den Grundzügen – eine Boulderhalle zu betreiben. … Check.
Sein ganzes Leben ummodeln. … Check.
Liebgewonnene Gewohnheiten gegen neue, spannende eintauschen. … Check.
Sich auf neue Menschen einlassen. … Check.
Lernen, den Menschen zu akzeptieren, der man dadurch wird. … Process still in progress …
Wichtige Menschen an sich heranlassen. … Check nach diversen Fails.
Diesen Menschen zuhören und ihre Meinung als wertvolle Beobachtung begreifen. … Semi-Fail.
Lernen, dass die Vergangenheit, kein Fundament für das Neue ist. … Fail.
Realisieren, dass sich Veränderung nicht auf kleine Inseln im Leben und in der eigenen Person beschränken lässt. … Fail.
Aufhören die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen. … Fail.
Zufrieden sein mit dem, was man willentlich herbeigeführt hat. … Megafail.

Dann steht ein anfang-vierziger Typ vor der Boulderwand und schimpft auf sich, auf die Boulder, auf die Lufttemperatur, darauf, dass er nicht genug gefrühstückt hat ebenso wie auf sein leichtes Übergewicht, weil er zuviel Zeit im Büro am Schreibtisch verbringt, auf den Routensetzer und den zu glatten Tritt. Er lässt den Kopf hängen, weil er ein bisschen abgebaut hat – oder vielleicht auch nur, weil es sich bei 30°C nicht ganz so spritzig bouldern lässt. Eigentlich aber vor allem deswegen, weil er ein Nimmersatt ist, der viel zu oft nicht sieht, unter welchem Füllhorn an Glück er leben darf.
Möglicherweise sind schon Leute von den Ausschüttungen dieses Füllhorns erschlagen worden. Ganz gewiss aber mit Blindheit geschlagen. Denn dieser Typ sieht während seiner Schimpftirade nur, dass er etwas unbedingt will, nicht aber, dass sein Ziel unrealistisch und unpassend ist.

Und dafür war das Bouldern wieder einmal gut: versteckte Stimmungen zu wecken und an die Oberfläche zu befördern. Zunächst einen grummelden und mosernden Typen aus mir zu machen, der darüber zeterte, dass er ausser Form sei und die Boulder nicht schön. Bis meine Freundin mich am Arm zupfte und mir einflüstern musste, dass es mir gut geht.
Idiot hin oder her.
Es geht mir gut.
Auch wenn mir meine Freundin das ein paar Dutzend Male sagen musste, bevor ich es auch nur ansatzweise begann zu überdenken. Denn der Idiot in mir ist stark. Er ist ein quängelndes Monster, das sich von Vergleichen und verklärter Erinnerung ernährt. Der Idiot in mir freut sich über Boulder, die er einmal geschafft hat und ergötzt sich an dem Gefühl, das er hatte, als er einmal so richtig fit war. Der Idiot will mit zweiundvierzig Jahren noch so schnell rennen und springen, so viele Klimmzüge und Liegestütze machen und so hart bouldern, wie mit Anfang dreißig.

Bouldern bringt die Essenz unserer Stimmungen ans Tageslicht. Jeder Zug, den wir an der Wand tun, zeigt schonungslos, wie es um uns bestellt ist. Unser Unvermögen, vertrauensvoll auf einem kleinen Tritt zu stehen, zeigt nur unser Unvermögen, vertrauensvoll durch den Tag zu gehen. Zuviel festzuhalten, uns mit prallem Bizeps und geblähter Schultermuskulatur selbst aus der Wand zu drücken, weil wir nicht fallen wollen – lässt uns schließlich genau das tun: Fallen.

Wir können darüber schimpfen und wüten, oder wir können daraus etwas lernen.
Dass die Veränderung uns immer begleiten wird, und dass wir uns nicht gegen sie wehren können, wir sie also umarmen müssen wie eine Geliebte, um ihr so nah zu sein, damit wir sie verstehen können, wie wir auch unsere Frauen und Männer verstehen müssen. Ein gutes Leben, ist auch immer eines voller Fragen. Mißtrauisch sollten wir allzu glatten Antworten und allzu schnellen Lösungen begegnen. Sich zu verändern in einem ständig wechselnden Leben, ist eine Kunst, die etwas Ruhe braucht, Besonnenheit, und manchmal jemanden, der einen auf der Bouldermatte derbe anpflaumt, dass man nicht so borniert, dumm, bockig, blind und agressiv sein soll.

Wer nicht gerade in einem Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer sitzt, in Aleppo versucht ein Mittagessen zu organisieren oder dem in irgendeiner anderen Form Gewalt angetan wird, der kann frohen Herzens behaupten, dass es ihm gut geht. So eng ist die Nische des Wohlbehagens leider auf unserem Planeten gesetzt.
Um so erstaunlicher ist es doch dann, wenn es einem gut geht.
Wie dumm muss man dann sein, um dies zu leugnen, und nach DIngen, Gefühlen und Erfolgen zu quängeln, die einer von der Konsum- und Leistungsgesellschaft verseuchten Fantasie entspringen. Oder der eigenen Unersättlichkeit.

Es ist wirklich lächerlich – dieses gute Gefühl, sicher auf einem kleinen Tritt zu stehen, und entspannt den nächsten Zug zu machen. Es ist die Lächerlichkeit eines glücklichen Idiotenlebens. Und so lange ich nicht blind bin, für dieses Glück, so lange ist es in Ordnung, ein Idiot zu sein. So lange ich bemerke, wie die mir nahen Menschen und das Bouldern meine Gefühle und Stimmungen spiegeln, so lange bin ich am Leben und kann dieses Leben aus ganzen Herzen genießen.

Die Kettensäge der Kommunikation

Sprache ist etwas Tolles. Man kann Sätze schreiben, wie: „Gestern habe ich mir beim Bouldern den Arschmuskel gezerrt.“
Das ist kurz, informativ, enthält Ort, Zeit, Subjekt, eine Handlung, ein Körperteil (kommt immer gut!) und ein aktives Verb in der Vergangenheitsform. Der Satz sagt etwas über unser Freizeitverhalten, unsere Einstellung zu körperlicher Ertüchtigung, und die Verwendung eines Vulgärausdrucks für unseren Allerwertesten transportiert die subtile Botschaft, dass wir locker drauf sind, uns nicht hinter Floskeln verstecken müssen – eher wohl, dass wir selbst die ganze Sache möglichst locker sehen wollen.
Sprache – so reden wir uns ein – ist ein eindeutiges Werkzeug, für jedermann zu beherrschen. Subjekt, Objekt, Prädikat. Fein säuberlich verpacken wir Ego, Anweisung und Ort, feuern dies auf einen anderen Menschen ab. … Und wundern uns gewaltig, wenn wir nicht verstanden werden.

Ich möchte hier niemanden mit einem langatmigem Ausflug in die Kommunikations- und Sozialwissenschaften erschlagen. Außerdem ruft der verbale Austausch über einen gezerrten Arschmuskel eher weniger Missverständnisse hervor. Nur soviel deswegen zur Erinnerung: zum einen macht Sprache weniger als ein Viertel dessen aus, was Kommunikation ist. Viel wichtiger aber – wir erschaffen unsere Realität durch die Worte die wir benutzen und wie wir sie benutzen.*

Klar? Nicht … ?
Okay, ich sehe, wir haben Klärungsbedarf. Eine Anekdote wird helfen.

Ich mag ihn wirklich, diesen ganz speziellen Boulderkumpel, er ist der liebenswerteste Mensch, den ich mir vorstellen kann; aber wenn es um harte Züge geht, an denen ich ganz fürchterlich scheitere, verliere ich ab und an ein bißchen die gute Laune im Umgang mit ihm.
Er sagt dann Sachen wie:
„Einfach aufstehen.“
„Da so rübergreifen.“
„Den Tritt und dann hoch.“
„Den Fuß höher.“
Sowie meine Allzeit-Favoriten: „Musst du gut festhalten!“ und: „Geht schon!“

Jeder von uns hat diesen Kumpel. Genauso wie jeder von uns einen Bouldergrad hat, in dem sich das Gefühl von „schwer“ immer wieder zu einem „unmöglich“ zusammenballt.
Dabei ist nicht der Boulderzug per se schwer – sondern die Frage, was wir unter „schwer“ verstehen, warum wir es als „schwer“ empfinden, woher dieses „schwer“ in unserem Kopf kommt – wenn es in einem anderen Hirn ein „einfach“ ist.
Da ist natürlich der Körper. Manchmal geht es eben nicht. Das hat schon meine Oma gesagt, wenn sie mit 92 Jahren nicht mehr so einfach aus dem Sessel hochgekommen ist. Und wisst ihr – ich hab sie am Arm genommen, und tatsächlich gesagt: Komm, ist ganz einfach.

Nur dass uns beim Bouldern in drei Metern Höhe niemand am Arm nimmt; oder nehmen kann; oder wir das auch gar nicht wollen.

Wir reden ganz schön viel über Training beim Bouldern. Über Kraft, Klettertechnik und Beweglichkeit. Wer tiefer geht, der meint mit „Technik“ auch die Haltung, unseren Glauben, und unser Selbstbild, mit dem wir an die Wand gehen. Aber wir reden zu wenig über Kommunikation; vor allem jene, die in unseren Köpfen mit uns selbst stattfindet.
Denn nennt mich einen Schwarzmaler, aber das Leben der meisten Menschen ist wie der Downloadbalken eines alten Computers, der hängengeblieben ist, sich kein Stück bewegt, und doch klickt man nicht auf „abbrechen“ und startet gar das Gerät neu, denn es könnte ja vielleicht doch weitergehen.

Genau daran musste ich denken, als ich mir gesten den Arschmuskel gezerrt habe.
Ich spürte den stillstehenden inneren Downloadbalken sehr genau, als ich mich bei dem Gedanken erwischte: „Da bekommst du den Fuß niemals hoch.“
Und ich hörte das Knirschen der festgefahrenen Fortschrittanzeige auch, als es hinter mir erklang: „Komm schon, das geht schon!“
Da sind jene, die zuviel zweifeln, und jene, die es nie tun. Beide festgefressen im Status quo ihrer Neurochemie.

Es ging leider nicht.
Wie mir die Zerrung nur allzudeutlich selbst hier im Schreibtischsessel mitteilt.
Ich habe es zwar versucht, aber nicht auf die richtige Weise.
Richtig wäre wohl gewesen, mich zu fragen, warum es für jemand anderen so einfach ist, was dieses „einfach“ im Kontext der Möglichkeiten dieses anderen Menschen wirklich bedeuten könnte – und mir die Kopie der Möglichkeiten eines anderen zu untersagen. Denn das ist eines der Kernprobleme der Kommunikation: die Annahme der Übertragbarkeit. Weil wir nur beobachten, aber nicht nachfühlen können, und deswegen niemals ganz nachvollziehen.
Was uns nicht unbedingt zu schlechten Menschen macht. Nur manchmal sehr dumm dastehen lässt, mit dem Gefühl, etwas einfach niemals lernen zu können.
Doch das stimmt nicht. Lernen ist verstehen. Vor allem sich, sowie die Unterschiede zwischen „einfach“ und „einfach“. Und der Weg dazwischen.

 

* Für alle Interessierten: Paul Watzlawick hat dieses Thema erforscht und fabelhaft in seinen Büchern erklärt!

Rocks and sun and grades and shit … and a piece of Huckleberry Finns dreams

Wenn man irgendwo im Wald ein paar Leute trifft, die Matratzen auf den Rücken tragen und ansonsten ein bisschen aussehen, wie zweijährige Kinder, das sich alleine angezogen haben (bunt, verwahrlost, schmutzverschmiert und glücklich), dann weiß man, dass die Draussen-Bouldersaisson wieder begonnen hat.
Auch wir latschten zu zwanzigst (!) ein bißchen durch die tschechische Touri-Wildniss, und suchten uns ein paar schöne Blöcke mit kniffeligen Linien. Grinsten andere Matratzenträger an, fluchten über Brombeerranken, die den Pfad versperrten, holten uns einen respektablen Sonnenbrand auf der Suche nach dieser phänomenal schönen 6c irgendwo im Sektor sowieso.

Ich wollte jetzt eigentlich lang und breit über das Draussen-Bouldern schreiben; und darüber, wie man sich vertun kann und unter Druck setzen, wenn es darum geht, bestimmte Grade zu bouldern. Doch irgendwann im Laufe des Abends fiel mir auf, wie banal das ist. Denn natürlich ist der Nervenkitzel über miesem Absprunggelände größer. Natürlich ist es wichtiger einen Felsen draußen zu „knacken“ –  weil er so viel mehr da ist als eine artifizielle Wand. Und selbstverständlich ist es ein anderes Gefühl, in der Natur unterwegs zu sein, als sich auf den kurzen Weg an drei grauen Wohnblöcken vorbei zur Stammboulderhalle zu machen.
Ich finde, das haben andere schon zur Genüge getan.

Bei meinem letzten Besuch an einem Boulderfelsen, lag ich irgendwann im Halbschatten auf dem weichen Waldboden und sah einer Raupe dabei zu, wie sie sich in Zieharmonikabewegungen mein Bein entlang arbeitete. Es roch nach muffiger Erde, auf einer Stelle meines Bauches brutzelte die Sonne munter einen Jahresvorrat an Melanin zusammen, während mir der Hintern langsam klamm und kühl wurde. Die Kiefernnadeln piecksten durch meine Hose und irgendwo an der Peripherie meiner Wahrnehmung erklangen die unvermeidlichen allez!-Rufe. Ich lag dort, und das letzte was mir eingefallen wäre, war an einen der Blöcke zu gehen und zu bouldern, obwohl ich doch genau deswegen hierher gefahren war. Ich lag dort, und fragte mich, wann ich eigentlich das letzte Mal meine Nase in den Waldboden gesteckt und einem Insekt zugesehen hatte. Es gab immer so viel zu tun und zu wandern und zu bouldern. Irgendwann zwischen dem einen und anderen Bloc hatte ich vergessen, einfach mal ausgiebig herumzulümmeln.
Also tat ich das an diesem Tag; und zwar nur das. Und es fühlte sich mehr nach „Bouldern“ an, als der Kontakt mit dem Felsen am Bloc nebenan.

Was das „draussen sein“ so besonders macht, ist die Unvorhersehbarkeit eines Tages, ist die Unwägbarkeit von Glück und Erfolg. Das „draussen sein“ ist immer noch so, wie wir es als Kinder erlebt haben: im Wald herumstromernd oder auf der verbotenen Baustelle im Dreck wühlend. Das „Draussen“ ist nicht kalkulierbar und unser Gefühl darin ebenso wenig.
Wir können über uns hinaus wachsen, weil wir uns so wohl fühlen an einem Felsen, auf den die Sonne scheint, während die Geräusche des Waldes uns begleiten. Wir können vor Nervosität schlottern und kläglich scheitern, weil wir vergessen, was für ein schönes Spiel dies hier ist – weil wir uns zu sehr an den Komfort und das abgepackte Instant-Gefühl unserer Plastiktempel gewöhnt haben.

Drinnen trauen wir uns mehr. Drinnen trainieren wir intensiver.
Ja und? Das geht jeder Laborratte ebenso, jedem Tier, jedem Menschen: in einer geschlossenen Umgebung bewegen wir uns sicherer, entspannter und mutiger. Eine geschlossene, vertraute Halle gibt uns das trügerische Gefühl unverwundbar zu sein. Drinnen ist das, was wir kennen. Unser Bett steht drinnen, unser Schreibtisch, unsere Kaffeemaschine.
Und dann das – Achtung! große, überraschende Enthüllung!  … Das „Drinnen“ beim Bouldern ist natürlich genau so von uns gebaut, um dieses Gefühl der Sicherheit und des Komforts einer Schutzzone zu vermitteln.

Das „Draussen“ haben wir nicht gebaut. Das „Draussen“ baut und formt uns. Wir halten nicht alle Zügel in der Hand – und was dann anklopft ist die Angst einer wahnsinnigen Gesellschaft, die uns weismachen will, dass wir alles kontrollieren müssen; unsere Zeit, unsere Handlungen, vor allem unseren Erfolg.
Und wenn es nicht so klappt, wie wir wollen, dann sind wir wieder angehalten zu kontrollieren: und zwar unsere Gefühle.

Wenn du alles in der Sekunde bekommen würdest, in der du es haben willst, wenn dir alles in dem Moment gelingen würde, in dem du es anpackst – was für ein Leben wäre das dann? Ein paar Tage wärst du im Wunderland eines kleinen Jungen: der sich alles wünschen kann, dem alles zu Füßen liegt, der sich alles erlauben kann. Ein 100-Meter großer Huckleberry Finn mit dümmlichem Grinsen. Welches ihm schnell vergehen würde. Denn Huck Finn ist glücklich, weil er ein Abenteurer ist. Aber ein Abenteurer ist nicht faulen mit Geschenken glücklich. Ab und an eine gestohlene Orange aus dem Nachbargarten, ein gefundenes und entwendetes Boot; Krumen auf dem Weg, mehr nicht. Das große Glück steckt nicht in diesen Geschenken, das Große Glück liegt nicht herum und wartet auf einen Finder. Das große Glück ist ein überstrapaziertes Trugbild. Wenn überhaupt, dann gibt es Zufriedenheit.
Diese finden wir drinnen in unseren Boulderhallen genauso wie draußen im Wald. Denn sie hat ihre Quelle in etwas, das wir überall hin mitnehmen, an jeden Felsen, in jede Halle – bis in die Dusche und ins Bett: uns.

Also nehmt euch die Zeit für euch selbst.
Beobachtet Raupen. Eilt nicht zu schnell dem nächsten Top hinterher.
Denkt daran, das Bouldern ist viel mehr, als einen Fels oder eine Kunstwand zu bezwingen.
Bouldern ist in seinen besten Momenten ein Echo unserer Seele.Steckt eure Nasen in den Waldboden. Haltet diesen kleinen Plastikgriff nicht zu sehr fest, sondern versucht ihn auch zu fühlen. Versucht, euch zu fühlen.

 

Do not talk to the routesetter – Part II

Wie schraubt man einen Boulder im leichten Grad? Sagen wir mal … FB4 … wenn überhaupt so schwer.

Das geht so.

Man ruft seine Frau an. Morgens um acht Uhr.
Man ruft seine Frau noch einmal an – um halb neun, um zehn Minuten vor neun Uhr und um sieben nach. Man fährt hin, man hat ja einen Schlüssel, sagt guten Morgen, geht in die Küche der Frau, macht Kaffee, sagt noch einmal guten Morgen. Hält der Frau den Kaffee unter die Nase. Zwei Stunden später sitzt man mit der mürrischen Frau im Auto und ist auf dem Weg in die Boulderhalle.

Man rennt mit der Frau einmal durch die Halle und zeigt dabei auf die Wände. Man sagt: hier Sloper, oder da im Überhang geht was mit Henkeln, an der Säule könnte man eine offene Tür machen. Dann stellt man die Frau in das Grifflager, wünscht viel Spaß und geht ins Büro.

Die Frau läuft hektisch im Grifflager herum.
Die Frau läuft hektisch durch die Halle.
Die Frau sucht den Mann. Der Mann ist im Büro; der Mann ist nicht da; der Mann knurrt herum.
Die Frau sucht sich ein paar Griffe für einen leichten Boulder zusammen. Stellt die Kiste vor die Wand. Geht einen Kaffee trinken und hofft, dass sich das Problem vielleicht von alleine … nein?

Die Frau schraubt einen wunderschönen Boulder in den 45-Grad-Überhang.
Leiste an Volumen als Start, hoher Tritt, Dynamisch in Untergriff,  rechts rüber Ballern an sloperigen offenen Griff, Aufstehen auf einem zarten Nichts, die Hand  an einem Zangengriff, dann irgendwie mit viel Schulter oben raus.
Der Mann kommt aus dem Büro.
Die Frau sagt, er soll mal probieren.
Der Mann kommt im Boulder der Frau ins Schwitzen.
Der Mann steht keuchend auf dem Top-out, und stellt fest: hübsche 6b.

Die Frau ist ratlos.
Der Mann ist ratlos.
Der Mann sagt: Henkel!
Die Frau holt Henkel.
Der Mann sagt: größere Henkel!
Die Frau sagt: Laaaaaaaaaangweilig!
Der Mann sagt: ÜBERHANG!
Der Mann sagt: Du hast zuviel Kraft.
Die Frau sagt: Kraft ist ein Zustand, den …
Der Mann sagt: Jajajajaja.

Die Frau geht nochmal Kaffeetrinken.
Und Kuchen essen. Und einen Schokoriegel.

Dann schrauben die Frau und der Mann alles voller Henkel.
Aber schöne!

Also, wie schraubt man nun einen leichten Boulder? Einen, den man gefühlt hochtänzeln kann, auch wenn man nicht der Herkules unter den Boulderern ist. Einen, in dem man genug Zeit hat darüber nachzudenken, was man tun könnte, um einen Zug zu lösen. In dem man etwas lernen kann, ohne überfordert zu sein, und der doch nicht zu simpel ist

Die Frau hat es nicht ohne Grund so schwer getroffen, denn so ein leichter Boulder ist schwer zu setzen; viel komplizierter als einer in den mittleren Graden. Denn in denen kennen wir uns aus. Die 6b ist ein guter Vertrauter, wir wissen genau, wie sie sich anfühlt, wie spüren unseren Körper und den subtilen Druck, den der Boulder uns entgegenstellt.
Das ist in einer 4a anders … da gibt es keinen Druck; im schlimmsten Fall – schlimm, wenn man Routensetzer ist – fühlt sich jeder Zug gleich federleicht an. Dann gehen wir unseren Freunden auf den Geist, die gerade erst mit dem Bouldern begonnen haben, indem wir Sachen sagen wie: „Halt dich da mal ein bisschen fest“, oder: „Nimm einfach den anderen Fuß jetzt.“

Einfach. Das ist die schielende Hyäne unter den alltäglichen Gebrauchsworten.
Einfach. Bedeutet für jeden etwas anderes.
Und deswegen ist nichts einfach. Nicht einmal morgens aufzustehen. Auch keine Fb4a.
Und auch nicht, mit seiner Frau einen Boulder zu schrauben. Denn einfach hat sie es sowieso nicht mit diesem Mann.
Dafür bouldert sie 6b, einfach so. Was vielleicht manchmal hilft.
Hoffe ich.

 

Last Boulderer standing

Ganz oben an der Wand, auf einem großen blauen Tritt breit wie eine Treppenstufe, steht ein verschwitzter Mann und winkt. Er steht dort fast zwei Minuten. So lange, bis seine zwei Begleiterinnen ihn sehen, große Augen bekommen, ihm erhobene Daumen zeigen und ihn angrinsen.
Dann lacht er sie an und springt endlich wieder ab auf die Matte.

Zwei Minuten.
Manchmal müssen wir warten.
Manchmal ist unser Erfolg erst komplett, wenn wir dabei bemerkt werden.
Manchmal werden wir dabei beobachtet.
Manchmal sind zwei Minuten eine ganze Welt an Gedanken.

Ich schaute dem verschwitzten Mann schon eine ganze Weile zu. Mich faszinierte, zu beobachten wie er lernte. Denn das sieht man nicht jeden Tag: Lernen … vor allem lernen wollen.
Seine ersten Versuche in dem Boulder sahen ungelenk aus – so wie man es oft sieht, wenn die Leute von den supersimplen Anfängerbouldern zur nächsten Stufe wechseln. Sie denken immer noch fast ausschließlich mit ihren Händen, sie konzentrieren sich auf Kraft und aufs Festhalten. Sie haben noch nicht begriffen, das Stärke nicht nur aus der Leistung der Muskeln kommt, sondern die Summe aller Fähigkeiten ist.
Allzuoft sieht das dann so aus, dass mit immer mehr Armkraft, stärkerem Festhalten und heftigerem Herumgezerre versucht wird, einen Boulder hochzukommen. Man kann förmlich den Gedanken im Kopf dieser Menschen sehen: Ich bin nicht so stark wie die anderen.
Ganz selten kommt einem als erstes in den Sinn, dass es hier etwas zu lernen gibt, dass es um das Abenteuer geht, etwas gänzlich Neues herauszufinden.

Und das ist schwer.
Wirklich richtig fucking verdammtnochmal zum verrücktwerden bockig schwer.
Denn wenn wir etwas nicht können, dass spüren wir das beim Versuch in jeder Faser. Ein überwältigendes Gefühl voller Ratlosigkeit, bei dem es uns gar nicht hilft, wenn jemand anders uns spielerisch einfach vormacht, was wir nicht schaffen.
Dieses Gefühl zu überwinden – sich darauf einzulassen, dass es DOCH möglich ist – wenn auch nicht sofort, dass ist die große Aufgabe, wenn wir an unsere Grenzen stoßen.
Rede ich noch übers Bouldern? Ein wenig, ja, aber auch über uns alle in allen Lebenslagen, in einer Gesellschaft, die uns vorgaukelt, immer sofort alles können zu müssen wie Maschinen.
Nur freuen sich Maschinen selten über das, was sie machen oder leisten.

Da steht er nun am Top, hat darauf gewartet, dass seine Begleiterinnen ihn auch dabei sehen, um seinen Erfolg vollends auszukosten.
Das mag manch einem sehr egozentrisch und nach Aufmerksamkeit heischend vorkommen. Aber ich finde, dieser Typ hat es sich verdient, dabei gesehen zu werden. Denn er steht dort, weil er sich Mühe gegeben hat zu verstehen, nicht weil er es im x-ten Versuch mit roher Kraft nach oben geschafft hat und seine Muskeln spielen lässt.
Er feiert seinen Erfolg – und dabei zu Recht sich selbst. Er hat eine Aufgabe als Chance verstanden, seinen Horizont zu erweitern. Etwas nicht  zu können ist kein Grund, es nicht zu versuchen. Er ist der Beweis: in zwanzig Minuten hat sich die Welt in diesem Boulder für ihn gedreht.
Er freut sich. Er ist keine Maschine.

Wie zur Bestätigung meiner Gedanken springt er auf die Matte, läuft zu seinen Begleiterinnen, nimmt beide an den Händen und zieht sie zu dem Boulder. Ich höre ihn sage: „Los, das könnt ihr auch! Ich zeig euch, was man da alles machen kann!“
Und das macht er dann auch. Sehr geduldig und sehr begeistert von dem, was er selbst herausgefunden hat.
Ein Typ der sich freut, etwas begriffen zu haben – und der teilen und weitergeben will.

Ich lass die drei mal machen. Ich habe genug beobachtet. Ich habe genug darüber geschrieben.
Over and out für heute.